DREI LIEBLINGSMASKEN
(UND DAS ENDE DER SCHLECHTEN LAUNE)



Nach ein wenig zu viel Wäh in den letzten Tagen habe ich beschlossen, mir so lange gut zu tun, bis das Wäh selbst schlechte Laune bekommt und sich verzieht. Hat funktioniert. Mit einer Schlickertüte von Herrn Nilsson. Mit einem langen Vormittag im Leisepark mit der kleinen Spaziergängerin. Mit einem neuen Buch. Und schließlich einem kinderfreien Abend, den ich in der Wanne verbracht habe – mit Bademantelfernsehen auf dem Rechner und einer Maske im Gesicht. Falls es euch ähnlich geht: Hier sind drei Masken, die ich gerade mag.

Diese Maske mit Cranberry und Kurkuma-Extrakt wirkt wie ein doppelter Espresso fürs Gesicht. Hinterher sieht meine Haut frisch und wach aus. Und ist unglaublich weich. Was wahrscheinlich an der Kombination aus Maske und Peeling liegt, denn am Ende der Einwirkzeit massiert man die Maske mit feuchten Händen und kreisenden Bewegungen in die Haut ein. Den kräuterigen Duft muss man wahrscheinlich mögen, ich mag ihn sehr. Weshalb diese Maske seit unserem Amsterdam-Urlaub in Dauerbenutzung ist.

Dazu: Auf jeden Fall Meryl Streep. „Julie & Julia” (weil: Meryl Streep UND Kochen UND Paris) oder „Wenn Liebe so einfach wäre” (weil: Meryl Streep UND Alec Baldwin UND diese Croissant-Szene UND diese Küche). 


Meinen beiden anderen Lieblingsmasken bin ich schon ewig treu und werde es wohl noch lange bleiben, weil sie meiner Haut geben, was sie eigentlich immer gut gebrauchen kann: eine anständige Reinigung und extraviel Feuchtigkeit. Wenn ich genug Zeit habe, benutze ich sie hintereinander. Zuerst das Peeling mit Glykolsäure und Papaya (dafür ohne Peelingkörnchen, was es sehr sanft macht). Dann die herrlich cremige Feuchtigkeitsmaske (Konsistenz ungefähr: Crème fraîche), die genau das tut, was sie verspricht und sich sehr luxuriös anfühlt.

Dazu: Zwei Folgen „Modern Family”. Oder zwei Folgen „How I Met Your Mother”, nein, drei.

Was sind denn gerade eure Lieblingsmasken? Alte Lieblinge oder neue Entdeckungen?
Ich wünsch euch einen schönen Tag.

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DER SEPTEMBER 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)

Wie die letzten Wochen waren:
Wild und innig und anstrengend, habe ich letzten Monat geschrieben, und ich könnte es gleich wieder schreiben. Wobei dieser Monat noch ein wenig wilder war als der letzte. Eigentlich ist alles gut. Und doch würde ich mir gerade gerne die Decke über den Kopf ziehen und mich verstecken (was schon deshalb nicht geht, weil Hedi sie mir sofort wieder wegziehen und DA! rufen würde). So ganz genau weiß ich nicht, was gerade in mir lebensmuskelkatert. Ich merke nur: Ich bin müde. Und es kostet mich viel Kraft, jeden Tag alles auf die Reihe zu kriegen – das Wirsein, Mamasein, Partnerinsein, Schreiberinsein, Freundinsein, Ichsein, Immersein. Ich warte einfach mal ab. Wenn man sich einseufzen kann, sollte man sich ja auch wieder ausseufzen können. 

Der schönste Moment:
Als Hedi eines Morgens durch die Küche spazierte. Ein Schritt, noch einer, noch einer. Wackelig, aber sehr entschieden. Ich fand es schon beim ersten Kind unglaublich, und beim zweiten nicht weniger. Plötzlich gehen diese kleine Menschen durch die Welt. Plötzlich schauen sie dich an und sagen „Nein!” und schütteln den Kopf. Plötzlich tapsen sie auf dich zu, lassen sich in dich hineinfallen und legen ihre kleinen Arme um deinen Hals. Und: Der Montagabend, als es plötzlich bei mir klingelte und meine Freundinnen vor der Tür standen, um mich auszuführen und die Veröffentlichung von „Herdwärme” zu feiern. Die erste Überraschungsparty meines Lebens und ich werde sie nie, niemals vergessen.

Was ich gerade ständig trage:
Die Strickjacke, die ich meiner Freundin C. nachgekauft habe. (Ich hab sie vorher gefragt, und trotzdem fühlt es sich merkwürdig an – ich weiß noch, wie wir früher im Büro manchmal richtig sauer waren, wenn wir einander irgendwelche Bauernblusen nachgekauft hatten). Aber ich konnte nicht anders. Sie ist korallenrot – die Art Leuchtrot, bei der man nicht die Augen zusammenkneifen muss, aber sofort gute Laune hat. Sie ist so weich, dass man sich mit ihr zudecken möchte. Und sie passt immer. Ich trage sie nach dem Aufstehen, wenn der Tag schon da ist, aber ich noch nicht. Als Jacke, wenn es draußen nicht mehr warm, aber auch nicht richtig kalt ist. Zu weißen T-Shirts und Ringelshirts. Und am Abend, wenn ich die tausend Dinge erledige, die noch zu erledigen sind. Sie ist schweineteuer, aber ich habe den Kauf nicht bereut. Ebenfalls in Dauerbenutzung: meine gesammelten Urlaubs- und Lieblingsarmbänder. Das neongelbe Band von Merci aus Paris. Das goldene aus dem Gather Shop in Amsterdam. Und das Pizza-Armband, das ich so mag, auch wenn es total albern ist. 

Eine Beauty-Entdeckung:
Das Handpflegeöl von Alverde. Hilft mir gerade besser als Handcreme gegen meine trockenen Hände, zieht schnell ein, duftet gut und kostet drei Euro. Mal wieder ein toller Tipp von der tollen Hanna. 

Das schönste Geschenk:
Nach der Schule war ich mit Fanny noch in diesem Laden, den wir uns schon ewig ansehen wollten. Wir stöbern herum und bewundern die unglaublich schönen Möbel, die man hier kaufen kann. Als wir gehen wollen, sagt der Besitzer zu Fanny: „Sag mal, magst du auch Steine?” Fanny nickt. Er geht weg, kommt mit seiner alten Steinsammlung wieder und schenkt sie ihr. Wie schön diese Steine sind – und ein Mensch, der einem kleinen Mädchen eine so riesige Freude macht. Einfach so.

Noch eine unbezahlbare Kostbarkeit:
So langsam fängt Fanny richtig an zu lesen und wünscht sich immer neue Vorlesebücher. Und plötzlich begegnen mir all die Bücher wieder, die ich in meiner Kindheit so gerne gelesen (und vorgelesen bekommen) habe: „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse” zum Beispiel. Und natürlich: das Sams. Am Freitag waren wir bei der Lesung von Paul Maar, der „Das Sams feiert Weihnachten” vorgestellt hat. Was waren wir beide hingerissen. Und am Ende hat er Fanny eine Widmung in ihr Buch geschrieben. „Für Fanny von Paul Maar”. 

Gerne geklickt:
* Die Video-Serie „Humans of New Yorks – The Series”. Beeindruckend, berührend, immer wieder unglaublich lustig. 
* Was für eine schöne Wohnung. Genau so eine Bank hätte ich irgendwann gerne mal in unserer Küche. 
* Ein Mann befragt Paare, die länger als zehn Jahre zusammen sind, nach ihrem Ratschlag für eine glückliche Beziehung: „Every successful relationship is succesful for the same exact reasons.”
* Garance Doré erzählt, warum sie nicht mehr zu Modenschauen geht. „Maybe I´ll never find anywhere I truly fit in. Maybe that´s what makes me who I am. Maybe I´m just made to be unfitting, unbelonging – and free.”
* „Der Heftige”: Ein Portrait über den Schauspieler Birol Ünel – wiedergefunden über Reportagen.fm, die jeden Freitag eine wirklich tolle, immer sehr bereichernde Auswahl von Reportagen in ihrem Newsletter verschicken (hier sind noch ein paar andere Lieblingsnewsletter).
* Ein Arzt nimmt Abschied von seinem Patienten: „One Last Visit to See My Patient”. 
* Und dann noch dieses Video (und überhaupt die ganze Serie „Have You Seen this?”, wie großartig ist denn bitte die Idee, über ein besonderes Detail zu schreiben – den Schuh in einem Bild von Manet, einen Mann, der Pizza macht, oder eben: diesen Tanz.)


Wie ist es euch denn diesen Monat ergangen? 
Kommt gut ins Wochenende, ich wünsch euch ein schönes.

PFLAUMENKUCHEN FÜR STRICKJACKENTAGE


Ich mochte ihn schon, bevor ich ihn überhaupt zum ersten Mal probiert habe. Die Geschichte ist einfach zu schön: Seit 34 Jahren ist Marian Burros Food-Kolumnistin bei der „New York Times”. In dieser Zeit tat sie, was jeder Journalist tut, der seinen Beruf ernst nimmt: Sie versorgte ihre Leser beständig mit neuen Informationen, Geschichten, Recherchen und in ihrem Fall: auch mit Rezepten. In einem Artikel über die frisch renovierte Lebensmittelabteilung bei Bloomingdale´s schrieb sie auch das Rezept für einen Pflaumenkuchen auf. Und ahnte dabei wohl nicht, wie sehr die Leser es mögen würden. Tatsächlich liebten sie es so sehr, dass sie die Zeitung darum baten, das Rezept noch einmal abzudrucken. Wer sich den Artikel vom 21. September 1983 nicht aufgehoben hatte, konnte das Rezept schließlich nicht mal eben schnell im Internet nachschauen. Also druckte die „New York Times” es 1984 noch einmal. Und 1985. Und 1986.

Der Pflaumenkuchen musste einfach sein. Womit sonst könnte man den Herbstanfang besser feiern als mit ihm? Und so riefen sie an, fragten, wann denn dieses Mal „das Rezept” in der Zeitung sei. Für Marian Burros fühlte es sich manchmal an, als würde sie genötigt werden. „Eine besorgte Pflaumenkuchenbäckerin rief an und wollte wissen: Bringt ihr das Rezept? Als ich sagte, es gäbe Bedenken, es ein sechstes Mal zu veröffentlichen, sagte sie: „Oh, ich kann 12 Leute in meinem Büro dazu bringen, Leserbriefe zu schreiben und es zu fordern.” Das war 1989. Die Times hatte beschlossen, das Rezept ein allerletztes Mal abzudrucken, unter der Überschrift „Once More (Sigh), The Plum Torte”. Frau Burros sagt darin, dass es nun wirklich das allerletzte Mal sei. Echt jetzt. 1991 war es dann wieder in der Times. Die Leser hatten darauf bestanden.


Nachdem ich diesen Kuchen in kurzer Zeit nun auch schon dreimal gebacken habe, kann ich sie verstehen. Es ist kein wahnsinnig originelles Rezept, bloß ein wirklich guter Pflaumenkuchen, der an den ersten Strickjackentagen ganz besonders gut schmeckt.

Hier ist eine Geschichte über die unverbrüchliche Liebe zu dieser Pflaumentorte. Hier ist das Rezept in der Originalfassung. Und hier meine Übersetzung zum Nachbacken:

DER EWIGE NEW-YORK-TIMES-PFLAUMENKUCHEN

ZUTATEN:
150 g Zucker
115 g weiche Butter
125 g Mehl (gesiebt) *
1 TL Backpulver
1 Prise Salz
2 Eier
12 Pflaumen, entkernt und halbiert (ich nehme mehr)
Zucker, Zitronensaft und Zimt (ca. 1 TL) für das Topping (ich nehme braunen Zucker)

ZUBEREITUNG:
1) Den Ofen auf 180 °C Ober/ Unterhitze vorheizen.
2) In einer Schüssel den Zucker und die Butter mit einem Mixer cremig schlagen. Das Mehl, das Backpulver, eine Prise Salz und die Eier darunter rühren und gut mixen.
3) Den Teig in eine Springform von 20, 22 oder 25 cm Umfang geben (ich habe die Form vorher gebuttert). Die Pflaumenhälften mit der Schale nach oben auf dem Teig verteilen. Mit Zucker bestreuen und Zitronensaft beträufeln, je nachdem, wie süß die Pflaumen sind. Mit Zimt bestreuen.
4) Etwa eine Stunde backen. Nach einer halben Stunde eine erste Stäbchenprobe machen (in meinem Herd ist er bereits nach 30 Minuten fertig). Aus dem Herd nehmen und abkühlen lassen. Wir essen ihn mit viel Schlagsahne.

* Das Originalrezept verlangt nach unbleached flour, ich habe Weizenmehl Typ 550 genommen.

Herzlichen Dank an Teresa, die mich durch ihren Kommentar erst auf diesen Kuchen und diese Geschichte gebracht hat. Die anderen Pflaumenkuchen-Rezepte, die ihr netterweise unter meinem August-Rückblick hinterlassen habt, werde ich auch noch ausprobieren. Danke dafür!

EINE (KLEINE) KÜCHENTISCH-LESUNG VON „HERDWÄRME”


Heute erscheint mein neues Buch. Und obwohl letzte Woche ein großes Paket voller „Herdwärme” hier ankam, kann ich es noch immer nicht so recht glauben. 

Jetzt ist es wirklich da. 

Und jedes Mal, wenn ich hineinlese, fällt mir wieder eine andere Geschichte ein. Zum Beispiel wie Herr Schleich, der in der Österreichischen Botschaft arbeitet, bei uns in der Küche stand und mir zeigte, wie man ein anständiges Schnitzel macht. Mir erklärte, warum mein Fleischklopfer leider gar nicht geht, welchen Unterschied zwei Löffel Estragonsenf machen können und wie man am Zischen erkennen kann, wann das Schnitzel fertig ist. Zu sagen ich wäre bezaubert gewesen, ist eine himmelweite Untertreibung. Oder der Tag mit Eschi Fiege, zu der ich nach Wien gereist war, um mir erklären zu lassen, was ein gutes Mittagessen ausmacht – sie hatte ein Kochbuch darüber geschrieben, das ich sehr mag. Erst gingen wir gemeinsam über den Naschmarkt und kauften ein, dann kochten wir zusammen und redeten – über die Dramaturgie von Drei-Gänge-Menüs, über unvergessliche Mittagessen und warum das Kochen einem so viel übers Leben beibringt. Oder das Gespräch mit Telse Bus, deren Mops Bonbon sich nach drei Minuten auf meinen Schoss legte und dort liegen blieb, während wir ein paar Stunden darüber sprachen, wie man es schaffen kann, sich frei zu kochen. Telse redete schnell, gestikulierte wild, lachte laut und dann noch ein bisschen lauter. 

Die 14 Köchinnen und Köche, Patissières und Patissiers, Küchenladenbesitzer und Food-Konzepterinnen, die ich in den letzten zwei Jahren getroffen habe, um mir von ihnen das Kochen beibringen zu lassen, sind so unterschiedlich wie die Dinge, die sie mir gezeigt haben. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Sie sind auf eine unbändige Weise in das verknallt, was sie tun. Sie sind auch nach Jahren noch erstaunt darüber, wie toll das Kochen und Essen sind. Sie sind unendlich großzügig darin, ihre Gerichte und ihr Wissen zu teilen und einen anzustecken mit ihrer Leidenschaft. Sie sind neugierig darauf, etwas so gut wie nur irgendwie möglich zu machen. Und sie sind einfach so verdammt tolle Menschen. 

Deshalb bin ich heute vor allem: einfach nur dankbar. Auch sehr aufgeregt und nervös und lampenfieberig. Ich würde mich so freuen, wenn ihr mit all dem (und den Koch-Geschichten aus meinem Leben) etwas beginnen könntet. Zur Einstimmung lese ich euch heute das erste Kapitel vor. Keine Profi-Aufnahme, sondern eine Küchentisch-Lesung (inklusive lautem Anfangsknacken, Hall und Wackeln in der Stimme, es ist tatsächlich die erste Lesung meines Lebens). 

„Herdwärme” liegt ab heute in den Buchläden, man kann es aber auch online bestellen. Das Foto oben hat – wie auch alle Fotos im Buch – Simone Hawlisch gemacht (danke!).

SERIEN-TIPP: RED OAKS


Die High School ist überstanden, das College und das Leben warten, aber David weiß noch nicht, was genau er von beiden will. Film studieren und sich mit der Nouvelle Vague beschäftigen, wie er es eigentlich will? Oder doch Steuerberater werden, um irgendwann die Kanzlei vom Vater zu übernehmen? Erst einmal den letzten Sommer, bevor es ernst wird, überleben. Im Country Club als Tennislehrer anheuern, herausfinden, wie viel Zukunft seine Liebesgeschichte hat und darauf hoffen, dass er von selbst herausfinden wird, was er will. Aber natürlich kommt alles anders. Denn das Leben ist kompliziert, das Leben eben.

So eine Geschichte ist „Red Oaks”. Eine Geschichte über das Erwachsenwerden (und: Erwachsensein), mit allem, was dazu gehört: glühenden Träumen und zerstobenen Illusionen, mit Höhenflügen und Bruchlandungen und den ganz großen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Natürlich auch mit jeder Menge Peinlichkeiten, Albernheiten und Fettnäpfchen – es ist ja nicht leicht zu verkraften, wenn die eigenen Eltern bei ihrer Paartherapie therapeutisches Ecstasy nehmen, um dann statt im Ehebett im eigenen Jugendzimmer zu landen. Das alles ist am Anfang ziemlich merkwürdig, und dann, ungefähr als man beschließt, vielleicht doch lieber etwas anderes zu gucken, einfach nur eine virtuose Fernsehserie. „Red Oaks” tut, als würde sie sich über die 80er-Jahre lustig machen – über die bescheuerten Klamotten und Frisuren, über die Dating-Gebräuche, das Aerobic-Gehopse, die High-School-Stecher und unerreichbaren Jahrgangs-Schönheiten und über alberne Country-Club-Rituale. Man sieht das gerne und muss oft grinsen. Aber je länger man guckt, desto näher geht einem diese Serie. Weil sie wirklich jede ihrer Figuren innig liebt und sich über keine von ihnen lustig macht. Weil sie das Erwachsenwerden so ernst nimmt, wie junge Menschen das tun. Weil sie zwar immer wieder verspielt ist, aber nicht mit der Liebe spielt. Und weil sie an den Klischees, die sie zitiert und inszeniert, vorbei schaut, in die Herzen der Menschen hinein, deren Leben sie einem zeigt. „Red Oaks” ist wie einer dieser Cocktails, bei denen das Glas einen Zuckerrand hat: zuerst unheimlich süß, dann mit Wumms. Zwei Staffeln gibt es bisher, im nächsten Jahr wird es eine dritte und letzte geben. Ich kann sie kaum erwarten.

Hier ist der Trailer:


Red Oaks läuft auf Amazon Prime. Bild: Amazon Presse.

NEU IM NETZ: WUNDERSCHÖNE KERAMIK VON MOTEL A MIO

Irgendwann war da diese Email in meinem Postfach. Eine Einladung zum Pop-up-Sale von Motel a Mio. Schöne Keramik, dachte ich, und ging hin – eigentlich nur, um einmal kurz zu gucken. Woraus ein sehr langer Nachmittag wurde. Gefolgt von einem zweiten und schließlich dritten Besuch im temporären Laden der beiden Münchnerinnen Anna von Hellberg und Laura Castien. Seit diesem Wochenende wohnen roséfarbene Schüsselchen, schwarze Teller und zwei große hellgraue Obst-Schüsseln in unserer Küche. Und so kopflos die Motel a Mio-Liebe auch gewesen sein mag: Bereut habe ich meinen Rieseneinkauf nie. Ich freue mich einfach so über Dinge, die den Alltag ein bisschen schöner, besonderer, feierlicher machen. Wie meine beiden Lieblingskaffeebecher, die ich damals auch gekauft habe. Sie sind groß und schwer und haben besonders breite Griffe. Der eine hat oben rechts eine kleine Delle, der andere nicht. Morgens im Sonnenlicht sehen sie Knallorangerot aus, abends eher Rostrot. Bloß zwei Kaffeebecher und doch freue ich mich jeden Tag über sie. Und weil es seit heute endlich einen Onlineshop gibt, Motel a Mio diese Woche auch wieder zu Besuch in Berlin ist und ich gerne wissen wollte, wer die Frauen hinter dieser so wunderschönen Keramik sind, habe ich den beiden 35-jährigen Macherinnen Anna und Laura ein paar Fragen gestellt. Vielleicht geht es euch ja wie mir und es ist Liebe auf den ersten Blick. 

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Motel a Mio zu gründen? 

Anna von Hellberg und Laura Castien: Tatsächlich war es entweder Zufall oder Schicksal. Wir waren mit unseren Familien in Portugal im Urlaub. Da uns nicht nur unsere Freundschaft, sondern auch die Liebe zu gutem Essen verbindet, sind wir immer auf der Suche nach tollen Restaurants. So saßen wir dann in dieser coolen kleinen Strandbar vor köstlichem Essen, das auf wunderschönen Tellern serviert wurde. Und da war es um uns geschehen. Wir haben uns gleich am nächsten Tag auf die Suche nach dem Hersteller gemacht und ganz spontan ein bisschen was eingepackt. Dann ging es zurück nach München. Dort haben wir unseren ersten Pop-up-Sale im Glockenbachviertel veranstaltet – gleich nach dem ersten Tag war alles ausverkauft! Das war wirklich unglaublich. Wir waren so begeistert, dass wir wieder nach Portugal geflogen sind und mehr Teile gekauft haben. So kam das eine zum anderen.

Betreibt ihr Motel a Mio jetzt hauptberuflich?
Im Moment arbeiten wir beide noch nebenher. Anna arbeitet als Art-Direktorin bei Triumph und ist Mutter von einer Tochter, Laura arbeitet als freie Grafik-Designerin und Illustratorin und ist Mutter von zwei Töchtern. Unser Plan ist es aber, uns bis Ende des Jahres voll auf Motel a Mio zu konzentrieren. Wir sind jetzt langsam an einem Punkt, an dem man sich entscheiden muss – entweder ganz oder gar nicht.

Habt ihr am Anfang lange überlegt oder war das eher eine Bauchentscheidung? Und musstet ihr etwas aufgeben dafür?
Es war eine absolute Bauchentscheidung! Viel mussten wir nicht aufgeben – irgendwie ist man in unserem Alter doch oft an einem Punkt, an dem man sich denkt „What’s next“? Wir können diese Frage jetzt für uns mit „Motel a Mio“ beantworten, das ist ein echtes Geschenk!

Hattet ihr vorher schon Erfahrungen mit Geschirr oder im Unternehmerinnensein? 
Wir lieben gutes Essen, und da isst das Auge ja bekanntlich mit, insofern haben wir uns schon immer für all die schönen Dinge rund um den Esstisch interessiert. Beruflich haben wir uns vorher allerdings nicht mit Keramik befasst. Der Einstieg ins Unternehmersein wurde uns auf dem Keramik- statt Silberteller serviert, als wir uns beim Mittagessen am Strand in die portugiesischen Tellerchen und Schälchen verliebt haben. Das war unser Aha-Moment.

Was für Geschirr verkauft ihr genau? 
Wir verkaufen Steinware, die in Portugal gefertigt und handbemalt wird. Dadurch entstehen echte Einzelstücke und kein Teil gleicht dem anderen. Auch die Möglichkeiten, was Farben und Formen betrifft, sind so quasi unbegrenzt. Unser Angebot reicht von Mini-Schälchen über Teller, Tassen und Bowls bis hin zu großen Servierschalen, Karaffen und Kännchen. Unsere erste eigene Linie „Areia“ ist in vier verschiedenen Farben erhältlich. Zur Auswahl stehen ein pastelliges Mint, lebhaftes Azur-Blau, ein volles Dunkelgrün namens Teal und unser hübsches Pink. Ganz eigene Designs in völlig neuen Formen kommen im November und Dezember dazu – darunter auch Home-Accessoires wie Vasen und Lampen.


Wer sind eure Produzenten? 
Unsere Produzenten sind kleine, teils familiengeführte Unternehmen in der Nähe von Lissabon. Portugal hat eine sehr starke Keramik-Tradition – man denke alleine an all die wunderschönen Kacheln und Fliesen, die sich an so vielen portugiesischen Gebäuden wiederfinden. Es gibt sogar eine eigene Keramik-Route, die besonders schöne Arbeiten in verschiedenen Städten aufzeigt. Unser Eindruck ist, dass das Keramikgewerbe dort auch heute noch (oder: wieder) floriert, das Interesse an individuellem Geschirr und Home-Accessoires steigt ja immer mehr.



Sind eure Entwürfe dann auch traditionell?
Unsere Entwürfe sind eher modern, aber wir lassen uns immer gerne von unseren Produzenten und den Designern vor Ort beraten. Eines haben wir dabei auf jeden Fall schon gelernt: Zwischen dem, was man sich auf dem Papier vorstellt und der tatsächlichen Herstellung von Keramik liegen oft Welten, vor allem was Farben und Farbmischungen betrifft. Der Brennprozess und die Reaktion von Rohmaterial und Glasur sind nicht immer berechenbar. Daher dauert es auch seine Zeit, bis wir uns für eine perfekte Farbe oder ein perfektes Design entschieden haben… 

Bislang habt ihr Pop-up-Stores in verschiedenen deutschen Großstädten gemacht. Wieso habt ihr euch für dieses Konzept entschieden? 
Das Konzept der Pop-up-Sales ist aus unserer Anfangs-Historie entstanden. Wir haben uns einfach herangetastet und für uns entschieden, dass es momentan das Richtige ist. So haben wir die Möglichkeit, in verschiedenen Städten zu sein, coole Locations auszuprobieren und müssen uns nicht auf einen Ort festlegen. Für uns sind diese Sales fast eine Art Roadshow: Wir zeigen den Leuten wer wir sind, wie wir ticken und was wir im Angebot haben. Im Gegenzug haben wir so auch die Möglichkeit, die Leute kennenzulernen, die wir mit unserer Begeisterung für schöne Keramik aus Portugal anstecken konnten. Und viele glückliche Gesichter zu sehen – das lieben wir besonders. 

Bleibt es künftig dabei oder habt ihr noch andere Pläne? 
Zusätzlich zu den Pop-up-Sales gibt es einen Onlineshop – darauf freuen wir uns schon riesig! Ab heute gibt es dort unsere eigenen Kreationen zu erstehen, bequem von zu Hause aus. Und vom 22. – 24. September machen wir wieder einen Sale in Berlin. Köln soll übrigens unser nächster Stopp werden – falls jemand einen Location-Tipp hat: immer her damit!

Wie kommt ihr auf die Formen und vor allem Farben eurer Keramik? Ich habe solche Farben vorher noch nie gesehen…
Da spielt das besondere portugiesische Keramikhandwerk eine große Rolle – wir waren auch von Anfang an von den wunderschönen Farbverläufen fasziniert. Die handwerklichen Techniken unserer Produzenten machen so schöne Glasuren möglich und geben uns natürlich perfekte Voraussetzungen, unsere Ideen umzusetzen. 

Welche Stücke stehen gerade auf eurem Küchentisch?

Unser derzeitiger Liebling ist unsere „Areia“ Kollektion – wir kombinieren wahnsinnig gerne die verschiedenen Farbtöne miteinander. So entstehen tolle, individuelle Tischsets, auf die wir wirklich stolz sind. Aber es ist schwierig, sich da dauerhaft festzulegen. Gerade wenn wir wieder neue Kreationen geliefert bekommen, tauschen wir gerne auch mal aus. Will ja alles getestet und für gut befunden sein.

Den Onlineshop von Motel a Mio findet ihr hier. Der nächste Pop-up-Store eröffnet von Freitag bis Sonntag (täglich von 11-19 Uhr, sonntag von 11-16 Uhr) in Berlin, Kastanienallee 19.

23 MAL WOHNUNGSTAUSCH: ZWEI PAARE ÜBER IHRE ERFAHRUNGEN MIT DIESER ANDEREN ART DES REISENS

Ich habe hier ja immer mal wieder erwähnt, wie wir in den letzten Jahren Urlaub gemacht haben: Statt uns ein Hotel zu suchen, tauschen wir unsere Wohnung mit anderen Familien. Jedes Mal, wenn ich davon auf Slomo schreibe, bekomme ich Mails mit all den Fragen, die auch wir hatten, bevor wir uns auf einem Haustauschportal angemeldet haben: Findet ihr es nicht komisch, wenn wildfremde Menschen in eurer Wohnung leben? Wie geht das eigentlich? Und habt ihr schlechte Erfahrungen gemacht? Nun haben die beiden Journalisten Jessica Braun und Christoph Koch (Bild oben) mit „Your home Is My Castle” (Piper) ein tolles Buch geschrieben, das ausführlich vom Haustauschfieber erzählt. Also dachte ich: Frage ich sie doch mal all die Fragen, die bei mir zum Thema Haustausch angekommen sind. Und stelle unsere Antworten gleich dazu – so könnt ihr sehen, wie ähnlich die Erfahrungen sind, die man mit dieser Art des Reisens macht…

Wieso macht ihr Haustausch?

Jessica & Christoph: Wir sind schon immer gern gereist, haben uns in Schottland kennengelernt und in Las Vegas geheiratet. Von Haustausch hatten wir schon mal gehört, es aber nie in Erwägung zogen - bis wir auf einen tollen Bericht von Okka und Peter stießen. Günstiger und authentischer reisen klang zu gut, um es nicht auszuprobieren. Mittlerweile sind es vor allem die besonderen Erfahrungen, wegen denen wir dabei sind: Midsommar feiern mit den schwedischen Nachbarn, Halloween in den USA und Weihnachtsessen bei einer uns bis dahin unbekannten australischen Familie. Das hätten wir wohl alles nicht erlebt, wenn wir ein Hotel gebucht hätten.  

Peter & ich: Als wir Eltern wurden, mussten wir uns überlegen, wie wir künftig verreisen wollten (und konnten). Hotelzimmer sind für Kinder nicht unbedingt angenehme Orte, weil sie meistens für Erwachsene eingerichtet sind, Pauschalurlaube in Strandnähe oder Ferienhäuser sind eher nichts für uns, weil wir unseren Urlaub gerne in Großstädten verbringen und beide nie einen Führerschein gemacht haben. Die Lösung für uns waren Tauschwohnungen – und sie war so elegant, dass wir uns bis heute fragen, wo an ihr eigentlich der Haken ist. In Wohnungen unterzukommen, in denen es Küchen, genauso viel Playmobil wie zu Hause und manchmal auch einen Garten gibt, ohne dass man dafür etwas bezahlen muss, ist fast zu gut, um wahr sein zu können. Es ist aber bis jetzt schon zwölf Mal wahr gewesen.

Für jemanden, der das noch nie gemacht hat: Wie funktioniert so ein Haustausch? 

Jessica & Christoph: Wir haben mit einem Probeaccount angefangen. Den bieten die meisten Portale an. Ein bisschen ist es wie Online-Dating: Man erstellt ein Profil, in diesem Fall für sich und die eigene Wohnung oder das Haus und beschreibt möglichst ehrlich seine Vorzüge. Man kann auch auflisten, was man zusätzlich anbietet (z.B. Autotausch oder Nahverkehrskarte) und worauf man Wert legt (z.B. dass die Katze gefüttert und nur auf dem Balkon geraucht wird). Die Fotos sollten möglichst alle Bereiche in Wohnung oder Haus zeigen, die für die Gäste relevant sind. Dann sucht man entweder selbst nach Tauschpartnern, indem man Wunschorte und Reisezeitraum in die Suchmaske eingibt und passende Mitglieder anschreibt. Oder man macht es so wie wir und lässt sich finden. Das heißt wir warten ab, wer uns einen Tausch anbietet und wählen dann daraus aus. 

Peter & ich: Bei uns war das ähnlich. Wir haben einen Account angelegt und es einfach mal versucht. Schon im ersten Monat hatten wir Angebote aus der ganzen Welt. Und dann kam eine Email aus Paris von einer Familie, deren Tochter genauso alt war wie Fanny, und das hat sofort gepasst. Weil wir neulich in einer Email danach gefragt wurden: Man kann sich immer aussuchen, mit wem man tauscht und immer nein sagen, wenn einem ein Angebot nicht zusagt. Wir lassen uns in den allermeisten Fällen auch finden und reagieren auf Anfragen. Ich kenne aber auch Familien, die aktiv nach ihren Traumreisezielen suchen und dort Familien anschreiben. 


Wie oft habt ihr schon getauscht und wohin seid ihr gereist?

Jessica & Christoph: Wir waren bisher elfmal unterwegs: Kopenhagen/ Dänemark, Princeton/ USA, Barcelona/ Spanien, Stockholm/ Schweden, Oaxaca/ Mexiko, Oakland/ USA, Paris/ Frankreich, Perth/ Australien, High Wycombe/ England, Calgary/ Kanada und Turin/ Italien.

Peter & ich: Wir haben diesen Sommer unseren zwölfen Haustausch gemacht. Wir waren bislang in Paris, Stockholm, Amsterdam und New York (bis auf Stockholm jeweils mehrmals). Und wenn alles klappt, geht´s im nächsten Frühjahr nach Irland.

Findet ihr es denn gar nicht komisch, wenn wildfremde Menschen in eurer Badewanne sitzen, aus euren Kaffeetassen trinken und in eurem Bett schlafen (oder noch schlimmer: nicht schlafen)?

Jessica & Christoph: Ehrlich gesagt nicht. Wir denken auch bei Parkbänken nicht drüber nach, wer dort schon gesessen hat. Bei Hotelbadewannen, wer darin schon gebadet hat oder bei Restaurantgläsern, wer sich daraus schon betrunken hat. Schon klar: Das eigene Zuhause ist etwas Besonderes, aber Dinge werden dadurch ja nicht entweiht, dass sie jemand anderes benutzt. Und wenn Menschen zu Besuch in unserer Wohnung sind, sich dort wohlfühlen und in unserer Abwesenheit dort Sex haben: Ist doch schön für sie!

Peter & ich: Geht uns ganz genauso. Man tauscht ja ohnehin nur mit Menschen, die einem sympathisch sind und lernt sich vorher schon ganz gut kennen – schreibt sich viele Emails, schickt ein paar Fotos, skypt vielleicht. Dabei entsteht eine Art Fernfreundschaft. Und wenn wir von unseren Reisen wieder nach Hause kommen, sieht unsere Wohnung meistens sauberer und ordentlicher aus, als wir sie hinterlassen haben. Wir finden die Vorstellung auch nicht unbehaglich, dass irgendwer unsere Kaffeebecher benutzt oder auf unserem Sofa liegt. Wir machen ja das gleiche in ihrer Wohnung. Am Ende muss man aber wahrscheinlich einfach der Typ dafür sein.  

Was sind die positiven Seiten des Haustauschens?

Jessica & Christoph: Für uns sind es zum einen die Orte, die wir so entdecken. Das amerikanische Princeton oder englische High Wycombe zum Beispiel. Das sind keine klassischen Reiseziele und wir wären wohl nie darauf gekommen, dort Urlaub zu machen. Dank des Haustauschens haben wir diese beiden verträumten Kleinstädte kennengelernt, in denen wir eine tolle Zeit hatten. Haustauschen ist für uns eine Art Reise-Wundertüte. Dann sind da die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Mit vielen unserer Tauschpartner sind wir immer noch in Kontakt. Sie sind uns ans Herz gewachsen – selbst wenn wir manche nie persönlich getroffen haben. Und wir entdecken uns selbst immer ein wenig neu: sind mal Gartenbesitzer oder Katzenhalter auf Zeit, üben uns in dänischer Gemütlichkeit oder stehen mit den Engländern im Dorf-Pub am Tresen. Das erlaubt uns einen anderen Blick auf uns und die Welt. 

Peter & ich: Erstmal ist es natürlich unglaublich luxuriös, seine Ferien in einer Wohnung zu verbringen, manchmal auch in riesigen Häusern. Dann reisen wir meistens mit sehr leichtem Gepäck, weil vieles einfach schon vor Ort ist (vor allem: Kinderspielzeug und mit Glück auch ein Kinderwagen). Man lernt Menschen kennen, die man sonst niemals kennengelernt hätte. Mit den meisten Familien stehen wir immer noch in Kontakt. Und mit zwei Familien haben wir öfter als nur einmal getauscht, weil wir einander (und die Wohnungen) so mochten. Wunderbar sind auch immer all die Tipps, die man bekommt: Lieblingscafés und die besten Bäcker oder Ideen, was man mit den Kindern unternehmen könnte. Dann ist da auch noch der Empfang vor Ort. Jede der Familien, mit denen wir getauscht haben, hat sich richtig viel Mühe gegeben, uns die allerbeste Zeit zu bereiten – mit Briefen, vorbereiteten Abendessen oder Willkommens- und Abschiedsgeschenken.  



Und was die negativen? Habt ihr auch schlechte Erfahrungen gemacht?

Jessica & Christoph: Beim Dreimonatstausch in Kalifornien haben wir unsere Freunde nach einer Weile vermisst. Auch wenn man ja beim Tauschen oft Nachbarn und Freunde des Tauschpartner übernimmt bzw. vermittelt bekommt. Schlechte Erfahrungen mit den Tauschpartnern, deren Domizilen oder der Behandlung unserer Sachen gab es exakt null. 

Peter & ich: Wir haben bislang tatsächlich auch keine einzige schlechte Erfahrung gemacht. Bis auf eine Teekanne (die sofort ersetzt wurde), ist auch immer alles heil geblieben. Das einzig Anstrengende am Haustauschen ist vielleicht die Vorbereitung der eigenen Wohnung. Das ganze Hübsch- und Saubermachen hat aber natürlich den Vorteil, dass man mindestens zweimal im Jahr die Wohnung ausmistet.

Hat man auch eine Chance, wenn man nicht gerade in einem Penthouse in Berlin-Mitte wohnt?

Jessica & Christoph: Ah, der Klassiker unter den Online-Kommentaren zu Artikeln oder Interviews über das Haustauschen! Klar bekommt man mehr Anfragen, wenn man an touristisch attraktiven Orten wohnt. Aber wir haben auch schon mit einem englischen Dorf oder einem schwedischen Vorort getauscht. Und für unser Buch haben wir mal auf den einschlägigen Plattformen recherchiert: Da sind auch Wohnungen und Häuser aus der tiefsten deutschen Provinz oder aus dem Ruhrgebiet inseriert und die haben auch schon mit der ganzen Welt getauscht. Geht also alles. 

Peter & ich: Wir haben auch schon mit einem Stockholmer Vorort getauscht. Manche Paare und Familien wollen auch gerne Angehörige oder Freunde besuchen, die nicht immer in Großstädten wohnen – oder sind beruflich unterwegs. Insofern würde ich es auf jeden Fall versuchen. 

Welche Portale sind gut? Lohnt es sich, sich bei verschiedenen Portalen anzumelden?

Jessica & Christoph: Homelink, HaustauschFerien und Intervac sind schon relativ alt, gut beleumundet und haben viele Inserate. Wir sind bei zwei verschiedenen Plattformen, um noch mehr Auswahl zu haben und weil wir für das Buch noch eine zweite testen wollten, um zu sehen, ob es große Unterschiede gibt. Den Eindruck haben wir aber nicht, deshalb reicht für die meisten Tauscher wohl ein Portal. Testberichte von Stiftung Warentest gibt es hier

Peter & ich: Bei uns stehen noch Homestay und Love Home Swap auf der Ausprobierliste. Für Designliebhaber gibt es auch noch Behomm – eine Plattform für Kreative.



Die überraschendste Erkenntnis, die euch das Haustauschen beigebracht hat?

Jessica & Christoph: Dass Orte einen unschlagbaren Charme entwickeln, wenn man sie durch die Augen eines Menschen betrachtet, der dort lebt. Fast alle Haustauscher halten Tipps für Restaurants und Ausflüge parat. Denen zu folgen, führt einen an die manchmal ulkigsten, meist aber zauberhaftesten Plätze.  

Peter & ich: Wie anders man Städte kennenlernt, wenn man nicht mehr dort unterkommt, wo die Hotels sind. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es wäre, würde man tatsächlich in Brooklyn oder einem Vorort von Stockholm wohnen.

Voraussetzung für das Haustauschen ist logischerweise, dass man jemandem, den man nicht kennt, vertraut. Wie schafft man das?

Jessica & Christoph: Einfach ausprobieren. Wenn man es wirklich nicht kann, kann man es nicht. Aber für uns war’s einfacher als vorher gedacht.

Peter & ich: Die ersten beiden Male waren wir vorm Haustausch unfassbar nervös. Am meisten bei der Landung in New York. Was, wenn wir mit unserem Kind einmal über den Atlantik geflogen sind, und am Ende gibt es dieses Haus überhaupt nicht? Tatsächlich war bislang jede Wohnung ganz genau so, wie sie auch beschrieben wurde. Und jeder unserer Haustauschpartner hat sich für uns total ins Zeug gelegt. Da fällt es wirklich leicht, Vertrauen aufzubauen. 

Fühlt man sich eigentlich ungerecht behandelt, wenn man in eine deutlich kleinere Wohnung kommt?

Jessica & Christoph: Weiß man ja vorher – und wenn einem die Wohnung zu klein ist, muss man auch nicht tauschen. Wir brauchen tendenziell ein bisschen mehr Platz, weil wir oft auch von unterwegs arbeiten und manche Wohnungen nicht darauf ausgelegt sind. Aber auf jeden Tausch, bei dem wir ein wenig zusammenrücken, kommt mindestens einer, bei dem wir selbst in der dritten Woche noch das Gefühl haben, immer neue Zimmer, Seitenflügel und Geheimtrakte zu entdecken. 

Peter & ich: Bei uns hat sich das bislang auch immer die Waage gehalten. In Paris sind die Wohnungen meist kleiner als unsere, dafür waren wir in New York in zwei unfassbar luxuriösen Häusern untergebracht. Und man weiß immer vorher, in was für einer Wohnung man landet – wieviele Zimmer und Quadratmeter sie hat, wie sie eingerichtet ist und ob das für einen passt oder nicht. Uns ist auch gar nicht so irrsinnig wichtig, dass die Wohnungen, in denen wir landen, unglaublich groß oder luxuriös sind. Enttäuschungen gab es deshalb nie. 

Wäre Airbnb nicht erfolgsversprechender, weil man kein Pendant finden muss, und dazu noch lukrativer, weil man seine Wohnung untervermieten könnte, während man weg ist?

Jessica & Christoph: Airbnb ist in der Tat unkomplizierter, weil man als zahlender Kunde eine riesige Auswahl hat. Aber es ist meist eben auch nicht so persönlich und als Vermieter wiederum hat man nicht diesen Vertrauensbonus der Gegenseitigkeit. Ob es wirklich lukrativer ist, wissen wir auch nicht: Denn selbst, wenn man seine eigene Superbude in Bestlage für 100 Euro pro Nacht bei Airbnb los wird, bleiben nach Gebühren und Steuern vielleicht noch rund 60 Euro übrig. Und für die bekommt man auf Airbnb ja in Paris, Stockholm oder New York wiederum nicht viel geboten. Wenn man tauscht, kann man dort leben wie ein König. Und eigentlich ist es ja auch schön, dass Wohnungstausch die Versprechen der Sharing Economy erfüllt, die diese sonst manchmal schuldig bleibt. 

Peter & ich: Wir haben das bislang nie ausprobiert, weil wir zufrieden mit unseren Haustauschreisen sind und sehr mögen, dass es um Gegenseitigkeit geht und Geld tatsächlich mal keinerlei Rolle spielt (von der An- und Abreise einmal abgesehen). Außerdem mögen wir den Geist des Wohnungstauschens. 



Beim Haustauschen wohnt man nicht nur in einer fremden Wohnung, sondern gewissermaßen in einem fremden Leben. Wie ist das?

Jessica & Christoph: Wenn wir eine Wohnung oder ein Haus zum ersten Mal betreten, fühlen wir uns immer ein bisschen wie Einbrecher. Dieses Fremdeln geht zum Glück aber nach ein paar Tagen vorbei. Umgeben von den Möbeln, den Büchern und Familienfotos der Tauschpartner fühlen wir uns diesen mit der Zeit zunehmend nahe. Vielleicht auch wegen des großen Vertrauens, das die andere Familie uns offensichtlich entgegenbringt. Auch wenn man nur per Email Kontakt hat, hat Haustausch viel mit Miteinander zu tun. Es ist ein bisschen wie Urlaub bei Freunden, die man noch nicht kennengelernt hat. 

Peter & ich: Das Ankommen ist tatsächlich ein seltsamer Moment. Man schließt zum ersten Mal eine völlig fremde Wohnung auf und betritt dann sein Zuhause für die nächsten Tage oder Wochen, meistens von Menschen, die man nie zuvor gesehen hat. Lustigerweise verschwindet dieses Fremdelgefühl mit jedem weiteren Haustausch immer schneller. Und wir lassen uns auch immer schneller und bereitwilliger auf dieses fremde Leben ein – folgen den Tipps unserer Haustauschpartner, essen zum Frühstück, was sie gerne essen oder besuchen ihr Lieblingsmuseum. Das ist jedes Mal eine große Bereicherung. 

Ganz ehrlich: wirklich nie in der Privatsphäre eures Tauschpartners gestöbert?

Jessica & Christoph: Wirklich nie. Hand aufs Herz. Bücher- und Plattenregale zählen ja nicht. Wenn man da nicht reinschaut, ist das ja fahrlässiges Desinteresse an der anderen Partei. Einmal poppte auf einem Computer, den wir zum Drucken benutzen durften, dauernd ein Skype-Fenster mit Chatprotokollen auf. Selbst da haben wir ohne Hitzewallung Control-Q gedrückt. Hat aber weniger mit immenser Selbstkontrolle zu tun als mit der Ahnung, dass am Ende doch eh alles wahnsinnig langweilig und banal wäre, was man fände. Wie bei einem selbst eben auch. 

Peter & ich: Auch ganz ehrlich und ohne Schummeln: noch nie. Bei unserem letzten Haustausch hat Hedi in zehn unbeobachteten Sekunden allerdings die Wäscheschublade unserer Tauschpartner ausgeräumt – Schubladenausräumen ist gerade ein Riesending für sie. Das war uns so unangenehm, dass wir ihnen sofort geschrieben und alles gebeichtet haben. Uns interessiert der Inhalt von irgendwelchen Schubladen und Schränken überhaupt nicht. Bei uns zu Hause wird auch nichts versteckt oder weggeräumt. Wir räumen immer eine Schrankhälfte und eine Kommode leer, das gleiche im Kinderzimmer und Bad. Ansonsten bleibt alles da, wo es ist. 

Habt ihr irgendwelche Tipps?

Jessica & Christoph: Respektvoll sein. Und großzügig. Wer anfängt, Quadratmeter aufzurechnen oder Putzfrauenstunden versus Autobenutzung, der wird nicht froh. Einfach alles in die Tauschwaagschale werfen, was man so anzubieten hat und sich über das freuen, was man dafür im Gegenzug bekommt.  

Peter & ich: Offen sein für Orte oder Ecken von Städten, die man sonst vielleicht nicht in Erwägung gezogen hätte (lustigerweise waren das immer die besten Urlaube). Und einmal für alle Gäste, die kommen, eine Riesenliste mit Lieblingsorten, praktischen Informationen (wo findet man einen guten Hausarzt? Wo stehen die Mülltonnen?) und Freunden machen, die notfalls mal mit irgendetwas helfen können. Ansonsten tatsächlich: großzügig sein. Es lohnt sich so sehr. Man kommt in eine fremde Wohnung (und in fremde Länder), aber immer auch ein bisschen nach Hause.



Alle Bilder: Jessica Braun & Christoph Koch.
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DER AUGUST 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)


WIE DIE LETZTEN WOCHEN WAREN
Wild und anstrengend und glücksverklebt und chaotisch und schlaflos und innig. Hedi ist in den letzten Wochen riesengroß geworden, erkundet die Welt, schläft nicht besonders viel, bekommt Zähne, sagt neineinei, versucht zu laufen, lacht sich scheckig und ist überhaupt die allergrößte Quatschgurke (irgendwann arbeiten wir auch mal an nicht-beknackten Kosenamen, aber sie ist wirklich eine Quatschgurke). Dann waren da sechs Wochen Sommerferien, zwei davon in Amsterdam – noch einmal in der Haustauschwohnung des Paares, das wir beim letzten Mal so mochten. Den Rest der Ferien sind wir herumgebutschert und haben die Wohnung kistenfrei geräumt (der Keller zählt nicht, oder?). Jetzt hat Hedi ein Zimmer, und unsere Gäste haben ein Bett. „Herdwärme” ist auch fertig und kommt noch diesen Monat in die Buchläden. Was ich immer noch nicht glauben kann. 

DER SCHÖNSTE MOMENT
Nee, da kann ich mich nicht entscheiden. Dieser Bummel-Nachmittag mit Fanny, den wir hauptsächlich in unserem Lieblingsbuchladen verbracht haben – sie mit ihrem Riesenstapel und ich mit meinem, und dann haben wir von allen Büchern die erste Seite gelesen und unsere Lieblinge mit in die Ferien genommen. Sie: „Mein glückliches Leben”. Ich: „Fangirl”. Und der Vormittag, den ich alleine durch Amsterdam gelaufen bin, am Anfang noch total gehetzt, dann nicht mehr. Und dieser Abend, als wir uns auf dem Beamer unseres Haustauschpaares „Tschick” angeschaut haben, als die Kinder unerwartet früh eingeschlafen waren. „Tschick” und süße Lakritze und Reden im Dunkeln. 

WAS ICH MIT NACH HAUSE GENOMMEN HABE
Außer Schokohagel fürs Brot: eine große Plattenspielerliebe. In Amsterdam haben wir den Morgen oft damit begonnen, Platten aufzulegen, echte Schallplatten, aus Vinyl, die man nach der Hälfte vom Rücken auf den Bauch legen musste, wie früher. Das war so schön, dass ich mir zu Hause gleich auch einen Plattenspieler gekauft habe. Ein Modell mit eingebauten Boxen, das ungefähr so klingt wie damals mein Kinderzimmerplattenspieler, aber ich bin total verknallt. Ins Plattenaussuchen und ganz vorsichtig die Nadel aufsetzen, an das Knistern, bevor der erste Song beginnt, ans mal wieder ganze Platten hören (statt die ewig gleichen drei Lieblingssongs) und ins Herumstöbern in einem Plattenladen. Letzten Sonntagmorgen haben wir im Bett Jackson 5 gehört. Und Dusty Springfield. 

WAS ICH GERADE NONSTOP TRAGE
Diesen Armreif, den ich geschenkt bekommen habe, und über den ich mich wirklich jeden Tag freue. Und diese schwarze Strickjacke von Arket. Die sieht jetzt gar nicht spektakulär aus, ist aber einfach ganz genau richtig: nicht zu lang, nicht zu weit, angenehm weich. Sofort angezogen und seither ständig getragen. Habt ihr euch den neuen Onlineshop von H&M schon angesehen? Ich habe mir auch noch dieses Tuch und diese Mütze für die Mädchen bestellt. Außerdem trage ich ein neues Lieblingslippenrot: „Dozen Carnations” von MAC. Ein lautes Rot, das aber nicht schreit. 

RAUF UND RUNTERGEHÖRT
Die Hörspiele auf Ohrka – einem werbefreien und kostenlosen Hörportal für Kinder ab 5 (danke nochmal für den Tipp, Anne!). Katharina Thalbach liest „Alice im Wunderland”, Anke Engelke das „Dschungelbuch”, dazu gibt´s Reportagen wie „Woher kommt unser Frühstück?”. Wirklich toll. 

ENDLICH GESEHEN
Ich hatte mir für die Ferien eine Liste von Filmen aufgeschrieben, die ich im Kino verpasst habe und unbedingt sehen wollte. Außer „Tschick” (den ich übrigens sehr mochte): „Manchester by the Sea” (den ich großartig fand, aber schwer ausgehalten habe) und „Moonlight”, der mich total umgehauen  hat. Wirklich: restlose Begeisterung. 

GERADE ENTDECKT
Den Proben-Service des Naturkosmetik-Onlineshops Amazingy. Sehr praktisch, wenn man so untalentiert wie ich darin ist, auf Anhieb die richtige Make-up- oder Lippenstift-Farbe zu finden oder erst einmal schauen möchte, ob ein Produkt passt und gefällt. Mein Favorit: der „Space Balm Corrector” von Hiro, den ich mir gleich bestellt habe. Verdeckt sehr gut dunkle Augenringe, funktioniert aber auch als Lidschatten-Primer. Und das „Precious Oil” von M Picaut (wirklich ein Wahnsinnsöl, allerdings kein Schnäppchen, deswegen steht es erst mal nur auf dem Wunschzettel).

GERNE GEKLICKT 
* Wenn die Eltern aus dem Haus ausziehen, in dem man groß geworden ist: „Zuhause gibt es nicht mehr.” 
* Die Gesichter von Frauen kurz vor der Geburt ihrer Kinder – in Schweden und Tansania: „Giving birth in different worlds”.
* Noch so eine Entdeckung: Alexis Foreman und ihre Style Memos. (Ich liebe auch ihren Instagram-Account und habe tagelang versucht, noch irgendwo diesen Jumpsuit von COS zu finden, leider vergebens).
* Diese vier Pflaumen-Rezepte. Fehlt nur noch ein richtig gutes Pflaumenkuchen-Rezept. Kennt jemand von euch eines ohne Hefeteig?
* Ein Blick in die Mode-Geschichte: Vintage Patterns Wiki.
* Ein Schwimmlehrer, sein schwierigster Schüler und was er ihm beigebracht hat: „In a Swimming Pool, Learning to Trust”.
* Ein Kochbuch, auf das ich mich unheimlich freue: „Salt, Fat, Acid, Heat”.
* Mit 40 ganz alleine – ohne Partner, Kinder oder Eltern. Steven W. Trasher über ein unterschätztes Freiheitsgefühl.
* Diese Geschichte über Marie-France Cohen. Zusammen mit ihrem Mann hat sie zuerst das französische Kindermode-Label Bonpoint und dann den legendären Pariser Concept-Store Merci gegründet. Nach dem Tod ihres Mannes gründet sie nun eine dritte Firma: Démodé. Bei Garance Doré gibt es auch Bilder ihres wunderschönen Hauses.
* Wie kann man heute noch Magazine machen – vor allem für jüngere Leser? Elaine Welteroth wurde im Alter von 29 Jahren Chefredakteurin der amerikanischen Teen Vogue. Und hat das Magazin radikal verändert.
* Warum wir so anfällig für Geschichten über Französinnen sind (jupp, ich auch!): „How to Sell a Billion-Dollar Myth Like a French Girl”.

Wie war denn euer Sommer? Ich hoffe, er hat euch so richtig verwöhnt.
Schönes Wochenende!
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FAST


Der Erdbeerstand steht noch an der Ecke, aber er wartet nur darauf, abgeschleppt zu werden, die Ernte ist vorüber. Bald werden wir wieder Jeans tragen und dicke Pullover und die Sonne wird um acht Uhr verschwunden sein. Fast ist der Herbst da, ein paar Tage noch, höchstens Wochen.

Wie ich es mag, dieses Fast. Das Kurzdavor, das Gleich-geht-es-los, das Ein-paar-Tage-noch. 

Schon als Kind. Die ewige Autofahrt nach Dänemark, Stunde um Stunde, und irgendwann fuhren wir um diese eine Kurve und dahinter: die Dünen und der Fjord. Man konnte das Meer noch nicht sehen, wusste aber, dass es da ist. Die Aufregung im Theater, wenn das Orchester sich einstimmt und der Vorhang sich ein wenig bewegt, weil dahinter noch letzte Kleinigkeiten arrangiert werden. Instrumente, Gemurmel, Rascheln, dann plötzlich Stille. Wenn ein Text fast fertig ist. Alles, was gesagt werden sollte, steht schon da, in der richtigen Reihenfolge von Anfang bis Schluss, aber die Wörter müssen noch einmal poliert werden. Der letzte Tag vor dem Verreisen. Die Koffer schon vom Schrank geholt, aber noch nicht gepackt, dafür jede Menge Pläne im Kopf. Die Tage vor Weihnachten, das Plätzchenessen und Geschenkeüberlegen, das Kartenschreiben und Einpacken, die Vorfreude, in die sich noch keine Jahresendmelancholie mischt. Der Freitagabend früher, als wir noch eine Fernbeziehung hatten und er noch ein paar hundert Kilometer entfernt auf dem Weg zum Flughafen war. Gleich steigt er ein und fliegt los, jetzt ist er losgeflogen, nun landet er, in ungefähr 25 Minuten werde ich seinen Schlüssel im Schloss hören. Die letzten Tage der Sommerferien. Wie sich die Stadt wieder füllt. Wie die Mädchen sich alle wieder meldeten, hast du Zeit, wir wollen spielen. Und der allerletzte Feriensonntag ihrer allerersten Sommerferien, als wir die Schulsachen durchgingen, Stifte anspitzten, Radiergummis proberadierten, ab morgen bist du eine Zweitklässlerin, noch einmal schlafen. 

Und Hedis wackelige Gehversuche jetzt. Wie sie manchmal steht und vergisst, dass sie eigentlich noch nicht stehen kann, steht da und bemerkt es nicht, macht einen Schritt, setzt sich wieder hin. Und steht wieder auf, und versucht es noch einmal, mit Festhalten dieses Mal, ein Schritt und noch einer. Bravo, bravo, rufe ich und klatsche in die Hände, und sie lacht, und dann legt sie ihren Kopf ein bisschen schief und lacht so groß, dass man ihre beiden Zähne sehen kann. Manchmal kommt Fanny und nimmt ihre beiden Arme, stellt sich hinter sie, dann gehen sie zusammen, und Hedi guckt nach oben, ihre Schwester an, und stolpert fast, aber sie hält sie, dann gehen sie weiter, sehr wackelig, sehr stolz, Schritt für Schritt, bis zum Kühlschrank und zurück. Fanny hat keine Lust mehr, aber gut, noch eine Bahn und eine allerletzte. Fast.

EIN UND AUS UND KURZ MAL RAUS



Die letzten Monate ist viel passiert. Die Schwangerschaft und die Geburt von Hedi. Unser neuer Alltag zu viert. Fannys erstes Schuljahr. Der Umzug in die neue Wohnung. Und mein zweites Buch. Jedes für sich aufregend und wunderbar. Alles zusammen ein ganz schön wilder Ritt und ich merke gerade: Ich muss jetzt mal ausruhen. Einatmen, ausatmen, keine To-do-Listen anlegen, nicht einmal im Kopf. Vorgestern sind wir in Amsterdam angekommen, unser elfter Haustausch – noch einmal mit dem Paar, das wir so mochten. Jetzt sitze ich am riesengroßen Fenster unserer Wohnung und der Himmel vor mir färbt sich von grau zu rosa zu orange zu graublau. Und der Turm mit der Uhr, die den ganzen Tag viertel nach zwei anzeigt, hat gerade sein rotes Licht eingeschaltet. Und durch die offene Balkontür kommt diese Luft herein, die nicht mehr ganz sommerwarm, aber auch noch nicht herbstkühl ist und so herrlich frisch riecht. Und im Plattenspieler (wie schön ist es, einen Plattenspieler zu haben) läuft „The Best of Dionne Warwick”. Und auf dem Tisch neben mir liegen all die Köstlichkeiten, die wir eben eingekauft haben – die Schokolade mit Kaffee-Crunch und süß-salziges Popcorn. Und vorhin haben wir den Beamer angeschlossen. Und wenn wir nicht zu popcornschwer sind oder noch ein bisschen auf dem Balkon sitzen, schauen wir vielleicht noch einen der Filme, die wir im Kino verpasst haben, Paterson, Tschick oder Manchester by the Sea. Aber bevor ich das alles (oder auch: nichts) mache, wollte ich noch einmal zu euch rüberwinken und danke sagen. Danke fürs immer wieder so viel Anteilnehmen und Mitfreuen und fürs Lesen, auch wenn ich in den letzten Monaten nicht so viel geschrieben habe, wie ich das gerne wollte. Ab dem Herbst gibt es (hoffentlich) wieder mehr Slomo, denn ich habe das Viel-Schreiben hier vermisst. Falls ihr Lust habt uns ein wenig auf unserer Reise zu begleiten, schaut gerne auf Instagram (okka_rohd) vorbei. Hier geht´s im September weiter. Ich freue mich schon darauf. Und hoffe, ihr habt es bis dahin so richtig schön!  

PS: Und falls jemand von euch noch Tipps für Amsterdam oder einen Tagesausflug mit dem Zug hat (Harleem? Utrecht? Den Haag?) – ich freue mich sehr über Tipps!

Foto: Das Bild oben zeigt die „Leaves Collection N2” von Miles of Light – es hängt seit ein paar Tagen an meiner Schlafzimmerwand zu Hause und ich habe es auf Juniqe gefunden.

GROSSE NEUIGKEITEN: MEIN ZWEITES BUCH „HERDWÄRME”


Schon so lange wollte ich euch erzählen, warum es hier in den letzten Monaten immer wieder ein wenig stiller gewesen ist. Nun kann ich es endlich: Mein zweites Buch „Herdwärme” ist (fast) fertig. Begonnen hat alles vor über zwei Jahren mit einem Wunsch. Ich koche wirklich gerne, aber leider nicht sonderlich gut und vor allem: ohne die geringste Ahnung zu haben, was genau ich da eigentlich tue. Irgendwann stand ich in der Küche und dachte: Wie toll wäre es, wenn ich mir das Kochen von Menschen beibringen lassen könnte, die wissen, was sie tun – und Lust haben, ihr Wissen mit einem Amateur zu teilen. Ich erzählte meiner Freundin Claudia von diesem Wunsch. Sie sagte: „Also wenn du im Frühling sowieso nach Paris fährst, triff dich doch mit Pierre-Olivier Lenormand, dem Cousin einer guten Freundin. Er hat eine Brasserie namens Cassenoix in der Nähe des Eiffelturms, war schon französischer Junior-Dessertmeister und zeigt dir bestimmt gerne etwas.” Ich schrieb ihm, total sicher, was er antworten würde. Warum sollte er auch einer wildfremden Berlinerin beibringen, wie man Desserts kocht? Dann bekam ich eine Email von ihm. „Total gerne”, stand da, „komm vorbei, ich freue mich”.

Ich ging mit vor Aufregung ganz zittrigen Händen hin. Weil man ja irgendwo anfangen muss, hatte ich ihm eine Frage geschickt: Kannst du mir vielleicht ein Dessert für die ganze Familie beibringen und eines für einen Abend zu zweit? Da wusste ich noch nicht, dass Pierre-Olivier berühmt für seinen Reispudding ist. Ich wusste auch nicht, was dieser Reispudding für eine Wirkung auf mich haben würde. Ich probierte ihn. Nahm mir noch mehr von der salzigen Karamellsoße. Schloss die Augen. Öffnete sie nur, um weiter zu löffeln. Ach, dieser Pudding. Cremig. Weich, mit einem letzten Rest von Knackigkeit. Süß, aber auf eine leise Weise. Auch ein wenig salzig. Unendlich tröstlich. Irgendwann sah ich wieder zur Pierre-Olivier, der kurz lächelte und dann schwungvoll die Tür zu seiner Küche öffnete. „Lass uns loslegen.” Er brachte mir bei, wie man seinen Reispudding kocht. Und die Karamellsoße. Er zeigte mir, wie man Schokoladenküchlein mit flüssigem Kern backt. „Ein Rezept für zwei Liebende”, wie er sagte. Ich schaute und probierte und rührte und schrieb und schrieb, um nur nichts wieder zu vergessen. Das Ei NICHT am Schüsselrand aufschlagen, sondern auf einem Küchenbrett, dann gibt es weniger kleine Risse und es kann keine Schale in die Schüssel fallen. IMMER ein feuchtes Tuch unter das Brett legen, dann rutscht es weniger. Die Vanilleschote nicht einfach auskratzen, sondern vorher vorsichtig mit dem Messer flach drücken, dann bekommt man mehr heraus. Wir verbrachten seine gesamte Mittagspause in der Küche. Am Ende hatte ich nicht nur das Rezept für zwei Desserts, die ich seither immer und immer wieder gemacht habe, ich hatte auch etwas über mich gelernt. Nicht immer solche Angst davor zu haben, etwas falsch zu machen, zum Beispiel. (Wie hatte Pierre-Olivier es gesagt? „Du musst viele Fehler machen. Wie im Leben. Du wirst nur ein besserer Koch, wenn du übst und übst und übst – wie ein Sportler – bis die Bewegungen deiner Hände selbstverständlich werden.”) Sich zu trauen, um Hilfe und Rat zu fragen. Nicht nur hinzusehen, sondern auch hinzuschmecken. Es hat lange gedauert, bis ich mich von dieser Begegnung wieder leergeschwärmt hatte. Wie großzügig kann ein Mensch sein?



Wieder zu Hause beschloss ich, aus dem Wunsch eine Realität (und ein Buch) zu machen und immer weiter zu fragen. All die Berliner Köche, die ich so mag und bewundere. Fast alle sagten sofort zu (ich kann es bis heute schwer glauben, aber es war wirklich so). Florian Schramm von Standard Pizza hat mir erklärt, was das Geheimnis einer neapolitanischen Pizza ist. Conny Suhr und Joel Marchand von Princess Cheesecake haben mir beigebracht, wie man einen guten Käsekuchen backt. Caroline Grinsted vom Muse hat mir gesagt, wie man es schafft, entspannt für eine große Runde zu kochen. Christoph Hauser und Michael Köhle vom Herz & Niere haben mir gezeigt, wie albern meine Angst vor Innereien ist. Petra Rimkus von deli.cat (im Foto oben zu sehen) hat mit mir zwei ihrer Lieblingssalate gemacht. Sascha Ludwig, damals noch beim Filetstück, hat mir beigebracht, wie ein anständiges Steak geht. Und Ernst Schleich, der in der österreichischen Botschaft arbeitet, wie man ein richtig gutes Schnitzel macht. Florian Mickan, Gründer des Joris und jetzt gastronomischer Leiter der Factory Kitchen Berlin, hat mich mit seiner Kartoffelliebe angesteckt. Julia Radtke, die das wunderschöne Food-Blog Tiny Spoon schreibt, hat mir erzählt, wie man Kinder glücklich kocht. Und Andreas Langholz von Colecomp, was für Dinge man wirklich in der Küche braucht (deutlich weniger, als ich dachte). Kai Michels und Lucie Babinska von der Feinen Pâtisserie Jubel haben mir verraten, wie man die Windbeutel macht, nach denen ich so süchtig bin. Food-Konzepterin Telse Bus hat mit mir darüber gesprochen, wie man es schafft, sich frei zu kochen und mir gezeigt, was man alles aus einer Roten Bete machen kann (ich habe dabei nicht nur irre viel gelernt, sondern auch eine Freundin gefunden). Und dann war da noch dieser unvergessliche Tag in Wien, als ich Eschi Fiege in ihrer lovekitchen besucht habe und wir gemeinsam Mittagessen gekocht haben, nachdem wir auf dem Naschmarkt einkaufen waren. 

Am Ende habe ich alles aufgeschrieben. All die Begegnungen, die Küchengeheimnisse, die sie mir verraten haben, und ihre Rezepte. Es geht in meinem Buch aber nicht nur um Techniken, sondern auch um das Glück des Kochens. Um das Versöhntsein, das einen manchmal überkommt, wenn man in der Küche steht und kocht und das Leben für eine Weile mal nicht an einem zerrt. Um die Zufriedenheit im Bauch, wenn man mit vielen Freunden an einem Tisch sitzt und die Zeit sich mal kurz selbst vergisst. Um die Freude, am Herd zu stehen und einem fast fertigen Reispudding beim Blubbern zuzusehen, zu warten, bis er wirklich perfekt ist und ihn abkühlen zu lassen, weil er kalt tatsächlich noch besser schmeckt als warm. Und die Kanne mit der salzigen Karamellsoße zu holen und umzurühren, und sich eine Schüssel mit Pudding zu füllen, nicht die kleine, lieber die große, und die Soße darüber zu gießen, dick und bernsteinfarben. Und dann den ersten Löffel zu nehmen.

Von all diesen Dingen erzählt „Herdwärme”. Die Fotos, noch so ein Glücksfall, hat Simone Hawlisch gemacht. Vielleicht habt ihr ja Lust, es zu lesen – ich würde mich von Herzen darüber freuen.

„Herdwärme” erscheint im Kailash Verlag. Ihr könnt es ab dem 25. September beim Buchhändler eures Vertrauens kaufen.



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